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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar: Helmut Schmidt ist tot Ein großer deutscher Kanzler THOMAS SEIM

10.11.2015 | 20:00

Bielefeld (ots) - In der Reihe der deutschen Bundeskanzler ragt Helmut Schmidt auf eine besondere Art und Weise heraus. Er war kein Idealist, sondern Pragmatiker. Er misstraute eher jenen, die die erfolgreiche Organisation von Politik der Präsentation von Wechseln auf die Zukunft vorzog. Daraus schöpfte er Energie und Kraft, die Deutschland über eine der schwierigsten Phasen der zweiten Demokratie in eine wohl organisierte und auf Wohlstand ausgerichtete Zukunft ausrichtete. Helmut Schmidt selbst hätte als preußischer Pragmatiker vermutlich gezögert, sich als Visionär zu bekennen. Ihm wird im Gegenteil das Zitat nachgesagt, dass zum Arzt gehen solle, wer unter Visionen leide. Aber Helmut Schmidt war Visionär. Ein pragmatischer Visionär, wenn man diesen Widerspruch formulieren darf. Er dachte europäisch, als die Mehrheit auf den Deutschen Herbst konzentriert war, der das Land und seine unsicher agierende Demokratie mit Terrorismus bedrohte. Seine Treffen mit dem damaligen französischen Präsidenten Giscard d'Estaing legten die Basis für eine Europäische Union, die sich aus einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und einer Europäischen Gemeinschaft zu dem Friedenswerk mausern konnte, das die EU ist. Ohne diese pragmatische Europa-Vision würden sich heute - unter der aktuellen Flüchtlingslage - nationale und - ja das auch - wohl nationalistische Fragen ganz anderer Art stellen. In der Generation der heute 50-Jährigen tun sich viele schwer mit der europäischen Sicherheitspolitik, die Helmut Schmidt begründete. Die Grünen gibt es, weil sie das Misstrauen der damals jungen Generation gegen eine militärisch abgestützte NATO-Garantie für Deutschland und Mitteleuropa einsammelte. Sie gründeten sich gegen Helmut Schmidt, wie es Joschka Fischer einst formulierte, nicht gegen Helmut Kohl. Aus heutiger Sicht wird man indes einräumen müssen, dass nicht nur die Friedensbewegung, sondern auch Schmidts pragmatische Vision einer haltbaren Sicherheitsstruktur für Europa jene Abrüstungsbewegung der beiden damaligen Supermächte erst in Gang setzte. Diese Bewegung führte Europa bis heute in eine seiner erfolgreichsten historischen Phasen. Diese Position als pragmatischer Visionär macht Helmut Schmidt so herausragend in der Reihe der deutschen Kanzler. Willy Brandt war ein Visionär, der Deutschland aus dem Muff von 1.000 Jahren löste, Konrad Adenauer war ein Pragmatiker, der den Deutschen neuen Halt nach ihrer Katastrophe und Beinahe-Selbstzerstörung gab. Helmut Schmidt gab der deutschen Zukunft Struktur. Er dachte in Zusammenhängen, die außer ihm nur wenige am Horizont erkennen konnten. Er legte die Fundamente, auf denen seine Nachfolger Wohlstand und Sicherheit in Europa bauen konnten. Das ist sein großes Erbe. Wir als seine Erben tun uns gerade in dieser Zeit ein wenig schwer damit. Wir sind sehr gut im Alltagspragmatismus, in der Beschreibung der großen Herausforderungen, die uns bevorstehen, im Benennen der Probleme auch, die uns gerade blockieren. Unsere Generation der Politiker präsentiert sich zu Zeit als Generation der Pragmatiker. Sie organisiert, managt, löst im besten Fall Blockaden des Tages. Es fehlt der Blick auf den großen Entwurf der Zukunft. Es fehlt eine Vision, eine pragmatische Vision. Uns fehlt Helmut Schmidt.

Pressekontakt: Neue Westfälische News Desk Telefon: 0521 555 271 nachrichten@neue-westfaelische.de

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